E-Scooter Feature

Elektromobilität

E-Scooter in Köln – mehr Belastung als Bereicherung?

Philipp Kossmann ist einer von vielen regelmäßigen Leihsystemnutzern. Nachdem er die Preise von Anbietern und KVB verglichen hatte und keine große Diskrepanz feststellen konnte, nutzt er die Roller als Alternative zur Bahn:

„S-Bahn fahren find ich super, gerade für viele Kilometer, aber U-Bahn fahren, um die S-Bahn zu erreichen ist für mich sehr nervig. Laufwege am Hauptbahnhof, Wartezeiten und darauf noch unregelmäßige Verspätungen, die täglich anders sind, haben mich für die täglich ca.10km auf dem E-Scooter überzeugt.“

Von heute auf morgen waren sie da – die E-Scooter. Zuletzt glich die Stadt einer Stolperfalle für Fußgänger: Reihenweise Leihroller, an allen möglichen Plätzen in der Stadt. Bilder aus dem Zentrum, eher Schleichwerbung für Leihfirmen, als ein schönes, attraktives und aufgeräumtes Stadtbild. Sie wurden als vermeintlich saubere Mobilitätslösung im Vergleich zu den herkömmlichen Verkehrsmitteln, wie Auto und Motorrad, eingeführt. Zudem sollten sie eine sinnvolle Ergänzung der öffentlichen Verkehrsmittel darstellen. Nach einer Zählung von civity Management, zwischen dem und , betrug die Anzahl der existierenden E-Scooter in Köln ganze 6.389 Stück. Damit landet Köln auf dem dritten Platz, direkt hinter Berlin und Hamburg. Laut Christian Leitow von der Stadtverwaltung Köln, stehen den Nutzerinnen und Nutzern rund 4.000 Scooter zu Stoßzeiten zur Verfügung.

Dass die Menge der E-Scooter ein Problem darstellt, findet vor allem Marisa Sommer. Marisa ist seit 18 Jahren vollblind und bemerkt seit der Zulassung am einen merkbaren Anstieg von Hindernissen auf Gehwegen und Leitlinien.Dadurch, dass man sie nicht hört, sind sie für uns blinde Menschen eine Gefahr, außerdem stehen die Dinger da, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet, erzählt sie.


E-Scooter rekrutieren öffentlichem Raum

Rolf Beierling-Hemonet vom Bündnis – Verkehrswende Köln ist Dipl. Ing. Stadt- und Regionalplaner und der Meinung, dass E-Scooter in Köln keinen Mehrwert bieten. Das Leihsystem der Roller sei seiner Meinung nach eine reine Profitorganisation, bei dem man das Geschäft auf Kosten des öffentlichen Raumes macht. Er spricht sich ganz offen für das Verbot der Leihroller aus.

Diese Meinung vertritt auch Ragnhild Sørensen von Changing Cities. Sie ist allerdings davon überzeugt, dass man die Elektroroller nicht einfach verbieten sollte: Solange es nicht andere Menschen stört, ist es irgendwie auch okay. Ich bin kein Fan davon, aber es soll ja auch Menschen geben, die es gut finden und brauchen. Sie sagt sogar: […] es soll mehr davon geben. Je mehr davon rumliegen, desto klarer wird es. Wir müssen irgendetwas ändern, man kann nicht so weitermachen.

Das findet auch Roland Stimpel (Fuss e.V.). Der Verein war unter anderem daran beteiligt, dass die Tretroller nicht auf den Gehwegen fahren dürfen. Dass die Realität anders aussieht, weiß auch er: Gemeingebrauch endet dann, wenn Verkehr und die eigentliche Straßennutzung gestört ist. Auch für Touristen zieht er eine negative Bilanz, da die Roller den Blick auf die Stadt versauen: Die Leihscooter von heute, machen ihr Geschäft auf Kosten anderer. Sie rekrutieren Stadtraum, wollen nicht mal Geld dafür bezahlen, blockieren Wege, stören die Radwege und werden an Haltestellen und U-Bahntreppen abgestellt.


Die letzte Meile mit dem Scooter

Zum Zeitpunkt der Einführung warben die Leihfirmen damit, dass die E-Scooter Stellen abdecken, die von öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht oder nur sehr niedrig frequentiert angefahren werden, so Sascha ein Juicer der Firma Lime.

Mobilität in Deutschland (MID) erhebt die sogenannte letzte Meile. Damit sind die vollständig zurückgelegten Wege zu und von Bahnhöfen und Haltestellen gemeint. Dabei stehen 7,6 Millionen Fußwegen, 45.000 E-Scooter Fahrten gegenüber. Das entspricht einem Verhältnis von 1/170.Nach 4 Monaten kann man also nicht behaupten, dass diese einen erheblichen Beitrag zur letzten Meile beitragen, so Roland Stimpel.

Ragnhild Sørensen findet, dass die Zweiräder zu schnell eingeführt wurden, um eine Alternative für die letzte Meile darzubieten. Sie ergänzt weiter: Wenn man es gezielt einführt, dann kann ich mir vorstellen, dass solche alternativen Verkehrsmittel sinnvoll einzusetzen sind. Aber es war ja nicht die Absicht […].

Rolf Beierling-Hemonet hätte eine Einführung der E-Scooter für die letzte Meile begrüßt, sofern diese staatlich gefördert würde, wie es bei den KVB-Rädern der Fall ist. Seiner Ansicht nach könnte das Scootersharing in Zukunft, die Lücke zwischen dem investitionsintensiveren Carsharing und dem weniger komfortablen Bikesharing schließen.

War am Anfang noch ein breites Bedienungsgebiet vieler Anbieter ein Argument zur Nutzung, zeichnet sich mittlerweile ab, dass sich die Masse der E-Roller immer weiter in Richtung Stadtkern verlagert, erzählt Sascha Ullmann.


Verwaltung neuer Mobilitätsformen

Die Elektrokleinstfahrzeugverordnung regelt bundesweit die Nutzung der neu zugelassenen E-Scooter. Aufgrund der Erfahrungen aus den Kommunen im Ausland waren die aufkommenden Themenfelder wie Flächenkonkurrenz und Fahrverhalten abzusehen, so ein Sprecher der Stadt Köln. Die Verwaltung der Stadt hat einen Aufbringungsplan sowie ein Qualitäts-Agreement aufgestellt, dessen Einhaltung alle Anbieter zugesagt haben. Aufgrund einer fehlenden Rechtsgrundlage stellt dies aber eine freiwillige Vereinbarung dar.Die Bereitschaft, sich daran zu halten ist allerdings eine Grundvoraussetzung, um gemeinsam an einer Optimierung zu arbeiten, bekräftig Christian Leitow als Beauftragter der Stadt die Lage und sagt dazu des Weiteren: Im Laufe der ersten Monate nach Markteintritt wurde darüber hinaus noch eine Abstellverbotszone definiert, um den nicht zugelassenen Verkehr der E-Scooter in der Fußgängerzone zu reduzieren. Infolgedessen ist eine Abstellung in der Fußgängerzone GPS-gestützt theoretisch nicht mehr möglich.

Es gibt kein Kontrollsystem, was die Fahrradfahrer und jetzt noch die E-Scooter angeht, das ist reine Anarchie, sagt die vollblinde Marisa Sommer und erzählt von ihren üblichen Wegen. Auf dem Weg zum Sehbehindertenverein war ein E-Scooter mitten auf einer Verkehrsinsel, auf der Leitlinie für Blinde, abgestellt. Bis sie erkannte, dass es sich bei dem Hindernis um einen E-Scooter handelte, war die Ampelphase bereits vorüber. Für Marisa Sommer ein großes Problem und vor allem eine große Gefahr: Man gewährt denen zu viel Narrenfreiheit. Es sind Verkehrsteilnehmer und die sollten sich auch so verhalten. Sie verlangt regelmäßige Kontrollen und hohe Bußgelder, damit es Wirkung zeigt. Außerdem schlägt sie zur Vermeidung von freistehenden Rollern vor, Abstellstationen wie bei anderen Leihanbietern, beispielsweise von Rädern oder Autos, zu definieren.Irgendwann weiß man, wo die Stationen sind. Man versucht diese dann zu umgehen. Es ist zwar ein bewegliches Hindernis, aber man weiß, dass die da sind.

Zu den Maßnahmen äußert sich die Stadtverwaltung Köln wie folgt: Seit Oktober erhalten falsch abgestellte E-Scooter ein Verwarngeld. Die Anbieter begleichen dies entweder selbst oder geben es an den Verursacher weiter. Zu Großveranstaltungen gibt es zeitlich begrenzte Vorgaben, welche Bereiche aus Sicherheitsgründen freizuhalten sind (11.11., Silvester, Kölner Lichter etc.). In Abstimmung mit den Anbietern wurden die Apps dahingehend überarbeitet und weitere Hinweise zur Nutzung eingefügt.

Mathias Cygon vom Arbeitskreis von Verkehrsexperten Berlin-Brandenburg e.V. sagt zu den Kontrollmaßnahmen der Stadt: Neue Mobilitaätsformen erfordern auch Kontrollen der Regeleinhaltung. Wer soll es tun, wenn man die Polizei und Behördenstaäbe jahrelang abgebaut hat? Auch dort muss aufgerüstet werden.

Da die Scooter zeitgleich in mehreren deutschen Städten an den Start gegangen sind, gibt es laut der Stadt Köln lediglich Kommunen mit derselben Erfahrung. Dennoch stehe die Verwaltung im direkten Austausch, um sich gegenseitig auf dem aktuellen Stand zu halten. Ein Beispiel an Paris, wo die Rollerflut die Stadt zu Verbotszonen, extra Parkplätzen und strikten Verboten sowie hohen Bußgeldern zwang, will man sich jedoch nicht nehmen. Kommunen im Ausland sind oftmals aufgrund der nicht vergleichbaren Rahmenbedingungen nur bedingt geeignet um sie als Beispiel für Maßnahmen heranzuziehen. Für eine Regulierung der Flut ist es zu spät. Ein Verbot wie in Manhattan oder das zeitweise Einstellen des Verkehrs der E-Leihroller, wie in Madrid und San Francisco sind für Köln keine Option.


Vorkehrungen der Anbieter Lime und Tier im Winter

Seitens der Stadtverwaltung sind den Anbietern für den Winter keine zusätzlichen Auflagen gemacht worden. Laut Sascha Ullmann, Lime-Juicer, hat der Anbieter Lime die Flotte bereits um 1/4 verkleinert. Außerdem räumt das Unternehmen den Juicern eine längere Zeit, 9 Uhr statt bisher bis 7 Uhr ein, um die Roller aufzuladen und wieder abzustellen. Bird hat seinen Betrieb für den Winter komplett eingestellt.

Der größte Konkurrent von Lime, Tier, hat für die graue, nasse und kalte Jahreszeit eine neue Version auf den Markt gebracht. Diese unterscheidet sich vor allem durch ein größeres Vorderrad, Hinterradantrieb und ein höheres Gewicht, um für bessere Bodenhaftung zu sorgen. Zudem soll die Bremsleistung sich verbessert haben und das Licht der Scooter heller sein. Die neue Version hat auswechselbare Akkus, wodurch die Roller nicht mehr eingesammelt werden müssen. Dies hat zum Vorteil, dass neben einem geringeren CO2-Ausstoß auch ein verringerter Arbeitsaufwand für die Mitarbeiter anfällt. Je nach Wetterlage, sollen die Zweiräder außerdem über die Apps reguliert und im Notfall gesperrt werden.


Mobiler Fortschritt

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hält laut eigener Aussage E-Scooter für eine interessante neue Möglichkeit, die Städte von unnötigen, kurzen Autofahrten zu entlasten.Dennoch wird auch darauf hingewiesen, dass die Scooter die bekannten Platz- und Infrastrukturprobleme in den Städten verschärfen und ein sofortiger Ausbau der Radstrecken gefordert: Alles andere ist unverantwortlich und gefährlich, so der Verkehrsclub.

Roland Stimpel von Fuss e.V. ist sich sicher: E-Roller sind noch nicht das letzte Wort der kleineren Elektrofahrzeuge. Dass was heute das 1-2 Personenauto ist, ist auch mit Kleinstfahrzeugen abzudecken. E-Scooter haben […] Weiterentwicklungspotenzial. Das E-Scooter Verleihwesen ist hoffentlich ein zeitlich eingegrenztes Stadtschmarotzertun.

Ragnhild Sørensen von Changing Cities e.V. ist der Meinung, dass die Mobilitätsdaten den eigentlichen mobilen Fortschritt prägen. Die Unternehmen sollten aus ihrer Sicht die gesammelten Streckennutzerinformationen zur Verfügung stellen. Sie sieht in der Transparenz der gesammelten Daten eine große Möglichkeit. Dadurch würde das Mobilitätsverhalten nachvollziehbar: Wie bewegen sich die Menschen, was brauchen die Menschen und wo gibt es vielleicht Ecken, welche ausgebaut werden müssen […]. Aus Umweltgesichtspunkten sei das Schlimmste die Klima- beziehungsweise CO2-Bilanz.Eine Wahnsinnige Materialverschwendung die gar nicht geht. Keine Konzession auferlegt und das ist verwunderlich und da merkt man auch, dass Klimaneutralität auch wieder nur ein Gerede war. Letztlich überleben die E-Scooter maximal 8 Monate. Wegwerfen als einzige Option, so Ragnhild Sørensen.

Das Argument eines umweltfreundlichen Stadtflitzers ist schnell passé, wenn man die Durchschnittswerte aus Angaben von Tier, VOI und Lime aus Juli 2019 vergleicht, welche aus der Statistik „E-Scooter: Der umweltfreundliche Stadtflitzer“ auf statista hervorgehen. Die Zahlen wurden von 6 T, Brenna Copeland and Jeremiah X Johnson/Environmental Research Letters, civity, Joseph Hollingsworth und sueddeutsche.de erhoben. Aus den Zahlen geht hervor, dass durchschnittlich gerade einmal 1,9 km mit dem Roller zurückgelegt wurden, nur 1 km mehr als zu Fuß. An die Zahlen von Bus und Bahn kommt der Roller noch lange nicht.

Aus Sicht einer Vollblinden empfindet Marisa Sommer die genannten Elektrokleinst-fahrzeuge als Belastung, aber spricht sich trotz der neu hinzugekommenen Hindernisse nicht für ein komplettes Verbot der Scooter aus: Ich bin sehr mobil und lasse mir meine Mobilität auch nicht nehmen.

Philipp Kossmann ist sich derweil darüber bewusst, dass E-Scooter aus ökologischer Sicht vielleicht nicht die bessere Alternative zu einem Rad oder der Bahn darstellen, dennoch will er nicht mehr darauf verzichten. Außerdem erzählt Philipp, dass er darüber nachdenkt, sich von dem Leihsystem zu verabschieden und sich seinen eigenen Elektroroller anzuschaffen. Dabei stört ihn allerdings die eingeschränkte Flexibilität: Das Ding einfach irgendwo abstellen und gehen ist dann nicht mehr möglich.

Wir werden die Entwicklung nicht anhalten können und wollen. Vieles wird sich erst noch in einer übergangsphase herausstellen. Manche Entwicklungen werden sich durchsetzen, andere wieder leise vom Markt verschwinden. Es ist wie ein Mosaikstück auf dem Weg zur neuen Mobilität. Verteufeln sollte man es nicht. Die Kommunen müssen und sollten sich selbst rechtzeitig Gedanken machen wie man die Städte umbaut und welche Mobilitätsformen sich in der Stadt jeweils anbieten beschreibt Mathias Cygon vom Arbeitskreis von Verkehrsexperten Berlin-Brandenburg e.V. die Lage der E-Scooter.


Reihe Lime-Scooter
Scooter der Marke VIO
Mann mit E-Scooter trägt Helm
Mann auf E-Scooter
E-Scooter der Marke Tier